#1

Akademisch aufgeblasener Dummschwatz

in Ohne Photo 10.05.2016 12:36
von kassandro • 433 Beiträge

Am 6. Mai schrieb ich zu diesem Beitrag im Linksblog "Ruhrbarone" diesen Kommentar:

Zitat

An Linkslastigkeit mangelt es der Uni Göttingen ganz gewiss nicht. Ich war dort selbst lange tätig, allerdings als Mathematiker, also im MINT-Bereich, dem diese Universität auch ihren Ruhm verdankt. Ein berühmter Absolvent im Bereich der Sozialwissenschaften war Gerold Becker, der die Odenwaldschule dann noch berühmter machte. Sein ehemaliger Bettgenosse Hartmut von Hentig war dort Professor, bevor er nach Bielefeld weiterzog. Nicht nur wegen dieser beiden "Koryphäen" bin ich zur Auffassung gelangt, daß die Sozialwissenschaften usw. keinerlei Kriterien einer Wissenschaft erfüllen und für die Gesellschaft auch keinerlei positive Wertschöpfung erbringen. Sie sollten deshalb strikt von den MINT-Fächern getrennt und auf Schrott-Universitäten ausgelagert werden. Sie sollten auch andere Titel bekommen, damit auch die Bevölkerung weiß, daß es sich bei diesen Disziplinen nicht um Wissenschaft sondern um akademisch aufgeblassenen Dummschwatz handelt und so die "echten" Wissenschaften nicht von solchen Scharlatanen in Misskredit gebracht werden können.
Über den Herrn Salzborn kann ich nun nichts konkretes sagen, weil er mir unbekannt ist. Der obige politisch vergiftete Artikel ist jedoch für diese politisierten Pseudowissenschaften ziemlich typisch und ich bin sehr dankbar dafür, weil er wieder einmal die Unwissenschaftlichkeit dieser "Wissenschaften" sichtbar macht. Das ist einfach nur noch ein Politgerangel.
Ich gehe davon aus, dass dieser Kommentar die Toleranzgrenze Ruhrbarone überschreitet. Deshalb habe ich auch eine Alternativ-Veröffentlichung mit Verlinkung des obigen Artikels vorbereitet.


Wie man sieht, habe ich vornherein damit gerechnet, dass dieser Kommentar der Zensur der Zensur zum Opfer fällt, und um dies sicherzustellen, hab ich auch drastischer formuliert, als ich dies normalerweise tun würde.
Es geht um nichts geringeres als um die Frage "Was ist Wissenschaft und was ist es nicht?". Wie man an meinem obigen Kommentar sofort erkennt, nehme ich dazu eine sehr restriktive Position ein. Was sind nun meine Kriterien, damit man ein Bündel von Aussagen eine Wissenschaft nennen darf?
1. Die Zuverlässigkeit der gemachten Aussagen. Im Detail besagt dieses Kriterium, dass die Aussage möglichst unabhängig von der Person ist, die sie macht, und dass deren Ermessensspielraum möglichst gering ist.
2. Der Aussagewert der gemachten Aussagen. Damit ist gemeint, daß die Aussagen nicht banal und keine Gemeinplätze sein sollten. Sie müssen nicht nur die Vergangenheit erklären sondern auch Aussagen über die Zukunft machen, die sich dann bestätigen.
3. Die Beständigkeit der gemachten Aussagen. Diese sollten möglichst lange, am besten für immer gültig sein.
4. Die gemachten Aussagen sollten unabhängig von Zeitgeist, Religion oder Ideologie sein. Dieses Kriterium überschneidet sich in gewisser Hinsicht mit Kriterium 1-4.
5. Eine Wissenschaft sollte einen Mehrwert für die Gesellschaft erbringen. In vielen Fällen ist das ein wirtschaftlicher Mehrwert. Es kann aber auch die Verbesserung Lebensqualität wie z.B. bessere Gesundheit, weniger Arbeitsbelastung usw. damit gemeint sein. Manche Pseudowissenschaften erbringen nicht nur keinen Mehrwert sondern sogar einen Schadwert für dei Gesellschaft. Auch das gehört in diese Rubrik.
6. Die von der Wissenschaft und an die Wissenschaft gestellten Fragen sollten von Bedeutung für die Gesellschaft sein. Das heißt nicht unbedingt, dass sie dann auch einen Mehrwert für die Gesellschaft erbringt. Kriterium 5 und 6 können also sehr unterschiedlich erfüllt werden, wie nicht zuletzt die nachfolgend angeführten Beispiele zeigen.
7. Fälschung und Hochstapelei und Hochstapelei sind ein Anzeichen für Unwissenschaft und sollten möglichst selten sein.
8. In einer hoch entwickelten Wissenschaft sollte der einzelne Wissenschaftler ein Zwerg auf den Schultern von Riesensein, d.h. er baut auf den Werken vieler anderer Wissenschaftler auf und muss nicht ständig das Rad neu erfinden. Es sollte keinen fundamentalen Paradigmen-Wechsel geben. Genau dann spreche ich auch von einer akademischen Wissenschaft. Leider wird immer wieder Wissen akademisiert, das dieses Kriterium nicht erfüllt und dann kommt man akademisch aufgeblassenen Dummschwatz, der das eigentlich vorhandene Wissen entstellt.

Die Kriterien 1-3 und 5 sind zweifellos die wichtigsten Kriterien sie scheiden letztlich die Spreu vom Weizen. Die anderen Kriterien bereichern und verbreitern lediglich die Diskussion.

In späteren Beiträgen werde ich die obigen Kriterien an Hand von Beispielen illustrieren. Zuvor will ich jedoch die Frage "Was ist Wissenschaft" noch aus zwei anderen Blickwinkeln angehen.


Ein (viel zu) kurzes Pferdeleben
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zuletzt bearbeitet 10.12.2017 18:54 | nach oben springen

#2

RE: Akademisch aufgeblasener Dummschwatz

in Ohne Photo 23.09.2017 06:08
von kassandro • 433 Beiträge

Während ich mich im ersten Beitrag dem Thema "Was ist Wissenschaft" mittels einiger pragmatischer Leistungskriterien, die eine Wissenschaft erfüllen sollte, anzunähern versucht habe, möchte ich nun das Thema aus eher grundsätzlicher Sicht angehen. Es geht um die Art des Wissens. Quantitativ dominant ist das Erfahrungswissen. Dazu gehören solch banale Sachen, wie das Wissen von Geburt und Tod, Tag und Nacht, die vier Jahreszeiten usw. die trotz ihrer Selbstverständlichkeit eine bedeutende Rolle für die Lebensgestaltung spielen. Auch Tiere verfügen über Erfahrungswissen, wenn auch quantitativ wesentlich weniger als der Mensch. Erfahrungswissen ist dabei nicht nur flüchtig im Gehirn gespeichert, sondern in einem geringen aber sehr wichtigem Maße über Selektion und Mutation auch in den Genen eines Lebewesen. Diese Erfahrungswissen ist also in einem ziemlichen wörtlichen Sinne in Fleisch und Blut übergegangen. Für Pflanzen ist das sogar die einzige Möglichkeit Erfahrungen "abzuspeichern". Beim Menschen wird Erfahrungswissen oft auch als Weisheit bezeichnet und nimmt mit dem Alter zu. Erfahrungswissen alleine konstitutioniert noch keine Wissenschaft. Hierzu ist strukturelle Erkenntnis oder Wissen notwendig, mit dem man Ordnung in die Vielfalt der Erfahrungen und Phänomene bringt. Das menschliche Gehirn ist geradezu prädestiniert für strukturelle Erkenntnis, wenngleich bei den meisten Menschen nur struktureller Unfug herauskommt. Dazu gehören Religion und Ideologie. Solch "struktureller Unfug" kann aber nichtsdestotrotz eine positive Rolle spielen. So sind Moral, Recht und andere gesellschaftliche Normen solch nützlicher "struktureller Unfug". Im Grunde ist er immer dann nützlich oder gar notwendig, wenn es kein strukturelles Wissen gibt, was leider in vielen Lebensbereichen so ist. Mit Wissenschaft alleine kommen wir im Leben einfach nicht aus. Ob nun Wissen oder nicht entscheidend ist die Strukturierung. Sie unterscheidet den Menschen radikal vom Tier. Eine Wissenschaft ist eine Mischung zwischen strukturellen und erfahrungsbasierten Wissen. Nicht nur die Wissenschaften sondern auch die Unwissenschaften bemühen sich eifrig um strukturelle Erkenntnis, nur kommt eben oft nur struktureller Unfug heraus. Oft stellt sich auch strukturelles Wissen später als struktureller Unfug heraus und wird durch anderes strukturelles Wissen ersetzt. So etwas nennt man dann etwas hochtrabend auch einen Paradigmenwechsel. Die Mathematik ist die einzige Wissenschaft, die zu 100% aus strukturellem Wissen besteht, wenngleich Sinneserfahrungen natürlich beim Erkenntnisprozess der Mathematik eine eminente Rolle spielt. In der expliziten Ausformulierung der Mathematik ist jedoch Erfahrungswissen strikt verboten..Kurioserweise spielt die Mathematik in Gestalt der Statistik auch eine zentrale Rolle bei der Objektivierung von Erfahrungswissen. Das Problem mit der Statistik ist, dass damit viel Schindluder getrieben wird. Im Hinblick auf besseres Wissen und auch auf mehr Wissenschaft, ist es wichtig dieser Schindluderei und ihrer Vermeidung wesentlich mehr Aufmerksamkeit zu Teil wird, als dies bislang der Fall ist. Objektivierung ist neben der strukturellen Erkenntnis das zweite Standbein der Wissenschaft und auch ohne strukturelle Erkenntnis eine wichtige Basis für nützliches Wissen. Wesentlich unumstrittener als die Statistik ist die Rolle von Meßgeräten bei der Objektivierung von Erfahrungswissen, aber auch mit Meßgeräten kann man, wie wir später sehen werden, viel Schindluder treiben, nur ist das leider weniger bekannt.
Strukturelles Wissen und den Weg dorthin, die strukturelle Erkenntnis, möchte ich an Hand der Entstehung der modernen Physik illustrieren. Sie beginnt mit dem Tod Tycho Brahes. Dieser war Hofastronom am Hofe Rudolf des II. in Prag. Es hat wohl weder davor noch danach je einen Menschen gegeben, der ohne Fernrohr das Himmelsgeschehen so genau beobachtet und beschrieben hat. Tycho Brahe sammelte ein ungeheuer umfangreiches Erfahrungswissen über unser Planetensystem an. Basierend auf seinen eigenen präzisen Beobachtungen hatte Tycho Brahe durchaus Zweifel am Ptolemäisches Weltbild, lehnte aber das ihm wohlbekannte Heliozentrisches Weltbild des Nikolaus Kopernikus ab und blieb dem geozentrischen Weltbild verhaftet. Damit konnte er aber keine vernünftige Ordnung in das von ihm angesammelte Erfahrungswissen bringen. Der Mann, der dies machte war Johannes Kepler. Brahe lud Kepler zu sich nach Prag ein in der Hoffnung, dass dieser ihm mit seinen mathematischen Fähigkeiten beim Aufbau seines eigenen Weltbildes hilfreich sein könnte. Umgekehrt erkannte Kepler die große Qualität von Brahes Beobachtungsdaten. Obwohl sich beide eigentlich hervorragend ergänzten - der große Experimentator und der große Theoretiker -, entstand eine große Rivalität und Brahe verweigerte Kepler auch den vollen Zugriff auf die von ihm gesammelten Daten. Zu Keplers Glück starb Tycho Brahe plötzlich und Kepler bekam Zugriff auf dessen Daten. Ein Buch behauptet sogar, dass Kepler Brahe vergiftet hätte. Kepler leitete nun aus Braheschen Daten seine berühmten drei Keplerschen Gesetze ab. Das erste modifiziert die Grundaussage von Kopernikus: Statt auf Kreisbahnen mit der Sonne im Mittelpunkt wie bei Kopernikus bewegen sich bei Kepler die Planeten auf Ellipsen mit der Sonne in einem der Brennpunkte, wobei die Ellipsen wegen der überragenden Masse der Sonne nur wenig von Kreisen abweichen. In den beiden anderen Gesetzen macht Kepler präzise Aussagen über Umlaufgeschwindigkeit, Umlaufzeiten und Sonnenabstände der Planeten. Die Keplerschen Gesetze waren eine strukturelle Erkenntnis von epochaler Bedeutung, aber sie waren nur die Vorbereitung zu einem viel größeren, vielleicht den größten Sprung in der Wissenschaft überhaupt. Das war Newtons Gravitationgesetz. Aus diesem leitet Newton nicht nur die Keplerschen Gesetze ab, sondern auch Galileos Freier Fall, Ebbe und Flut als Folge der Gravitation des Mondes und viele andere Phänomen. In seinen Principia Mathematica entwickelt Newton zudem ein geschlossenes mathematisches Modell für die Mechanik nicht nur des Himmels sondern überhaupt. Solche geschlossene mathematischem Modelle sind typisch für große Teile der modernen Physik und gelten heute als Krönung der Wissenschaft. So gesehen ist Newton der Begründer der modernen Wissenschaft. Ohne Tycho Brahe kein Kepler und ohne Kepler kein Newton - solche eine hierarchische Entwicklung ist typisch für die moderne Wissenschaft und unterscheidet diese von den Pseudowissenschaften, wo ganze Teile von nur einer Person in einem einzigen Wurf entwickelt werden. In den echten Wissenschaften gilt hingegen der berühmte Satz von den Zwergen auf den Schultern von Riesen.

In der Diskussion um Wissen und Wissenschaft spielt auch der Begriff der Meinung eine wichtige Rolle, obwohl eine Meinung kein Wissen ist. Grundsätzlich bildet man sich eine Meinung, wenn man kein Wissen hat, und Meinung kann sich auch zu strukturellem Wissen oder Unfug entwickeln. Dies geschieht im Rahmen der Diskussion und für eine fruchtbare Entwicklung ist die Meinungsfreiheit wichtig. Selbst in der Mathematik spielen Meinungen in Form von Vermutungen eine wichtige Rolle, nur ist dort Meinung messerscharf vom Wissen abgegrenzt, was andernorts weniger der Fall ist. Die Vermischung von Meinung und Wissen ist geradezu charakteristisch für Unwissenschaften und über die Meinung dringen dann auch Ideologie, Religion usw. in diese ein. Meinungen sind in der Wissenschaft unerlässlich, aber man muss mit ihnen sehr sorgfältig umgehen.


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zuletzt bearbeitet 14.11.2017 21:24 | nach oben springen


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