#1

Pferdenamen - literarisch

in Drumherum 15.12.2024 04:21
von Registana • 13 Beiträge

Selbst wenn all das, was mich an Pferden und Pferderennen begeistert, völlig kalt lassen würde, so haben doch von Anfang an viele Namen eine Faszination auf mich ausgeübt. Mein Interesse war geweckt ihrer Herkunft oder Bedeutung nachzugehen.

Ich fing also an zu sammeln, zu katalogisieren und zu kategorisieren. Und davon zu träumen, nach Kategorien geordnet, irgendwann mal lange Listen von Pferdenamen zu veröffentlichen.
Und als ich nahe daran war mit den zusammengetragenen Mengen zufrieden zu sein und mich mal so langsam ans Auswerten machen wollte - bricht natürlich der PC zusammen, ehe ich sinnvoll extern abgespeichert hatte.
Einige Zeit später war ein Laptop zu Hand. Nachdem ich mit der aktuellen Software vertraut war fing ich wieder an zu sammeln. - Und ein paar Jahre später hab ich dann wieder den selben Fehler gemacht. Laptop hin, Daten weg.

Jetzt hab ich nur noch ein paar Bruchstücke im Hinterkopf. Tja, und davon will ich jetzt so ab und an ein bißchen was zum Besten geben, um mir und allen, die Spaß dran haben, die trübe Winterzeit etwas zu versüßen.


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#2

RE: Pferdenamen - literarisch

in Drumherum 15.12.2024 04:27
von Registana • 13 Beiträge

Eigentlich hatte ich eine andere Reihenfolge geplant, aber da er gerade gestorben ist:

Lemon Drop Kid

Damon Runyon
1880 bis 1946
hieß eigentlich Alfred Damon Runyan.
Da sein Name aber ständig falsch zitiert wurde, passte er ihn der Realität an und nannte sich "Runyon".

Hauptberuflich war er als Journalist für das Zeitungsimperium von William Randolph Hearst tätig. Als Sportreporter soll er zu seinen besten Zeiten bis zu 1 Million Leser am Tag gehabt haben. (habe ich mal vor Jahren gelesen, Quelle leider vergessen).
Der einigermaßen ordentliche Wikipedia-Artikel nennt zwar Baseball und Boxen, und hat auch ein brauchbares Werkverzeichnis, erwähnt das Wichtigste aber mit keiner Silbe. ;-)

Denn außer den Sportberichten und einigen Drehbüchern ist Runyon vor allem durch seine Kurzgeschichten bekannt. Seine Sprache ist durchsetzt mit einer Reihe von Ausdrücken die im braven Schulenglisch-Wörterbuch schwerlich zu finden sind und die dem Slang der realen Vorbilder seiner Protagonisten entstammen sollen. Dies ergibt einen so eigenen Stil, daß dafür der Ausdruck "runyonesque" geprägt wurde.

Diese Storys spielen hauptsächlich unter den Mitgliedern der Halb- und Unterwelt seiner Zeit; mit denen er recht gut bekannt gewesen sein soll.
Oder auf den Rennbahnen; zwischen all den Tippstern und Touts, Trainern, Zockern und den ewigen Verlobten, die bestimmt geheiratet werden, wenn nur endlich der richtige Tip, der große Gewinn, kommt.
Da tummeln sich Harry the Horse, Izky Ironhat oder Hot Horse Herbie ("he is called Hot Horse Herbie because he can allways tell you about a horse that is so hot it is practically on fire, a hot horse being a horse that is all readied up to win a race, although sometimes Herbie's hot horses turn out to be so cold they freeze everybody within fifty miles of them.")

The Lemon Drop Kid
ist der Held der gleichnamigen Geschichte, vielleicht der berühmtesten von Runyon. Oder der traurigsten; todtraurig könnte man sagen, wenn nicht das Ende schnell abzusehen wäre, wodurch auch eine gewisse Komik entsteht. Also wohl: Tragikkomödie.
Kid also ist ein junger Mann, der seinen Namen seiner Vorliebe für Zitronen-Bonbons verdankt. Seinen Lebenunterhalt verdient er sich als "Tippster". Dazu braucht es vor allem ein gutes Gedächtnis für Gesichter - für die "Neulinge" auf der Rennbahn, und für die Vertreter der Obrigkeit. Vor letzteren muss man schnell flüchten, denn man ist nicht gern gesehn; erstere sollte man nicht verwechseln.
Die ganze Kunst besteht nun nicht darin das chancenreichste Pferd, sondern vielmehr die ahnungslosesten Rennbahnbesucher zu erkennen. Denen schwätzt man nun den todsicheren Tip auf - jedem einen anderen, soviel "Opfer" wie Starter im Rennen. Einer gewinnt immer. Todsicher. Dem muss man dann nur "zufällig" nochmal über den Weg laufen, nachdem er seinen Gewinn abgeholt hat - die meisten zeigen sich erkenntlich und geben freudig was ab. Den übrigen begegnet man besser nicht mehr.
Kid beherrscht dieses Spiel vollkommen. - Bis er eines Tages an den falschen gerät. ...


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zuletzt bearbeitet 15.12.2024 06:08 | nach oben springen

#3

RE: Pferdenamen - literarisch

in Drumherum 23.12.2024 01:37
von Registana • 13 Beiträge

Da mich bisher weder Fluch noch Bannstrahl getroffen haben, wage ich mich mal daran fortzufahren.
Heute komme ich also zu der Dame, mit der ich diesen Thread ursprünglich beginnen wollte. Und dazu geht es weit vorne los - alphabetisch ebenso wie zeitlich, sowohl bei der literarischen Vorlage als auch der Stute:

Amalie von Edelreich

eine Fuchsstute, geboren 1870,
von Buccaneer aus der Sweet Katie,
gezogen und im Besitz von Johannes Graf Renard, war die erste Stute, die im Deutschen Derby erfolgreich war.

Die Informationen zum Pferd habe ich den websites jener versierten Leute entnommen, die hier auch bekannt sind. Und denen, nach meiner Einschätzung, auch die literarische Vorlage vertraut sein dürfte.

Für alle anderen - und zur eigenen Gedächtnisauffrischung - tauche ich jetzt mal *hüstel, hüstel* in die Tiefen meines Bücherschrankes *klopf, klopf*, Abteilung "Reclam" *Staubwölkchen steigt auf*
um ... - ... verflixt ... da ist ... Nichts!
Jede Menge Schullektüre (zu der ich eigentlich nie wieder greifen wollte), der unvermeidliche Goethe, diverse Andere und mehrere Sachen von Schiller - nur "Die Räuber" sind wohl unter die Räuber gefallen.
Tja. Muss ich halt mein Gedächtnis bemühen - und Wikipedia:

Die Räuber
ist ein Drama von Friedrich Schiller.
UA: 13. Januar 1782
Für alle, die nicht in der Schule damit traktiert wurden ein kurzer Überblick:

Der verwittwete Graf Moor, hat zwei Söhne:
- Karl, äußerlich wie innerlich so recht nach Vaters Geschmack geraten, daher Papi's Liebling und ohnehin, als Erstgeborener der designierte Erbe.
- Franz, der zu kurz gekommene; jüngerer Sohn, macht wohl auch optisch nicht viel her und wird vom Vater ziemlich links liegengelassen.

Während der gehätschelte Strahlemann Karl in der weit entfernten Universitätsstadt ausgiebig dem Studentenleben frönt und reichlich Geld verprasst, kann Franz zuhause mit den Zähnen knirschen und an seinem schlechten Charakter feilen. Falls er den nicht schon von Anfang an hatte, wäre es aber auch kein Wunder, wenn dieses Mass an liebloser Behandlung und Geringschätzung ihn zu der "Kanaille" hat werden lassen, die er nun ist.

Voller Rachsucht - gepaart mit einer üppigen Portion Eigennutz - spinnt er eine böse Intrige.
Er unterschlägt einen Brief seines Bruders und schwärzt diesen, in einem selbst erfundenen Schreiben, dermaßen an, daß Karl enterbt und verstoßen wird. Das heißt wohl auch, daß er keine Chance mehr erhält mit dem Vater zu sprechen und die Sache aufzuklären.

Winner takes all. Jetzt hat Franz Oberwasser.
Karl zieht sich in die Schmollecke zurück und wird, zusammen mit einigen Kameraden, Räuber.

Und wo ist Amalie, die im Stück offenbar Amalia heißt ?
Sie lebt, als Mündel des alten Grafen, mit im Haushalt und ist mit Karl verlobt.
Da nun Franz den Grafentitel erben wird, wäre es doch nur recht & billig, wenn er auch die Verlobte seines Bruders "übernimmt". Aber sie zeigt ihm weiterhin die kalte Schulter;
Und die Idee, daß der Alte (Moor) plötzlich väterliche Gefühle für ihn entwickelt kann er auch vergessen.
Der Vater wird im Hungerturm eingesperrt, Amalia bedrängt.
Als die beiden durch Karl, der mit seinen Leuten das Schloß stürmt, befreit werden, bringt Franz sich um.

Doch leider gibt es hier kein Happy End.
Bei den Räubern war längst nicht alles so edel wie der Idealist Karl sich das erträumt hatte. Er steckt bis über beide Ohren in echten Kapitalverbrechen mit drin. Diese Erkenntnis gibt seinem Vater den Rest.
Amalia, der es offenbar nicht nur um den Grafentitel ging, mag nicht ohne Karl leben, sogar trotz seiner Gräueltaten. Der will aber einen Eid, mit dem er sich an seine Räuber gebunden hat nicht brechen. (Wieso dieser Eid mit einer Beziehung unvereinbar ist ist mir nicht klar.)
Den Ausweg aus diesem Dilemma sieht Amalia nur im Tod - aber bitte nur durch Karl persönlich. Nach etwas rumgezicke sticht er sie dann auch pflichtschuldigst ab. - Welch ein Liebesbeweis *brrrr, schüttel*, große Italienische Oper kann nicht schauriger sein.
Jetzt graust es dem Karle so vor sich selber, dass er auch nicht mehr will. Aber er kneift nicht den Schwanz ein und stiehlt sich aus dem Leben. Ganz Idealist will er selbst im Tod noch nützen. Er begibt sich nicht zur Polizei um sich auszuliefern, sondern zu einem armen Mann, damit dieser von dem hohen Kopfgeld, das auf Karl ausgesetzt ist, seine vielen Kinder ernähren kann. "Dem Manne kann geholfen werden."

Amalia scheint nicht allzuviel in diesem Stück zu tun zu haben: lieb, standhaft und aufopfernd; keine besonders erstrebenswerte Rolle, aus heutiger Sicht.


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#4

RE: Pferdenamen - literarisch

in Drumherum 01.01.2025 12:00
von kassandro • 3.025 Beiträge

Amalie von Edelreich war eine der wenigen Stuten, ja sogar die erste, die das Deutsche Derby gewann, und obwohl sie auch edel gezogen war, hinterlies sie keine Spuren in der Zucht. Laut PQ starb sie am 11.03.1878, wurde also nur 8 Jahre alt. Auf der Rennbahn wurde Amalie bei insgesamt 30 Starts hart geprüft. Ihr Vater war der legendäre Buccaneer (siehe auch Tbheritage). Seine Nachkommen gewannen insgesamt 12 Derbys, sieben mal das östereichische, das damals durchaus gleichwertig mit dem deutschen war, 3 mal das deutsche, 1 mal das polnische und sein bester Sohn Kisber gewann sogar das englische Derby und den Grand Prix de Paris. Kisber kam, nachdem er in England als Deckhengst gescheitert war, mit 15 oder 16 Jahren nach Harzburg, wo er wie sein Vater drei deutsche Derby-Sieger zeugte. Amalie ist ähnlich wie Kisber gezogen, ja sogar edler. Ihr zweiter Vater ist der berühmte Stockwell, der beste Sohn der einflussreichsten Mutterstute aller Zeiten, der Pocahontas. Kisbers zweiter Vater ist Stockwells rechter Bruder Rataplan, ebenfalls ein gutes Rennpferd und einflussreicher Vererber. Amalias Mutter Sweet Katie, eine Tochter von Stockwell also, gewann immerhin den Preis der Diana. Sie war eine sehr gute Vererberin. Neben Amalie brachte sie unter anderem deren rechten Bruder Filibustier, der ein sehr erfolgreicher Vererber in Deutschland war.
Mit Amalie von Edelreich ist also ein beachtliches Stück deutscher Vollblutgeschichte verbunden.


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#5

RE: Pferdenamen - literarisch

in Drumherum 13.02.2025 01:43
von kassandro • 3.025 Beiträge

Der berühmteste literarische Pferdename ist der des Brigadier Gerards, auch kurz der Brigadier genannt. Der literarische Namensgeber Brigadier Gerard war eine Roman-Figur von Arthur Conan Doyle, der in Deutschland hauptsächlich durch seine Sherlock Holmes Romane Berühmtheit erlangte. Man kann sagen, dass der Brigadier Gerard seine zweitwichtigste Roman-Figur war, die allerdings im Gegensatz zu Sherlock Holmes in Deutschland keine Berühmtheit erlangte. Es handelt sich um einen Offizier, eben einen Brigardier, in der Napoleonischen Armee, der vor allem durch seine Selbstüberschätzung das Bild der Engländer vom Franzosen in der Zeit von Arthur Conan Doyle widerspiegelt.

Trotz eines Frankels gilt der Brigadier Gerard als der beste Mitteldistanzler aller Zeiten. Bekannt ist er vor allem durch seine Rivalität mit dem ebenso berühmten Mill Reef. Mill Reef ist eines von zwei Pferden, das das Epsom Derby, King George und Arc in einem Jahr gewinnen konnte. Das zweite ist der in Vergessenheit geratene Lammtarra. Trotz der Berühmtheit des Duells trafen Mill Reef und der Brigardier nur ein einziges Mal aufeinander, in den Englischen 2000 Guineas:


Die Meile war die Idealdistanz des Brigardiers, aber damals gabs es außer den 2000 Guineas kaum interessante Rennen über die Meile, so dass er oft auch über 2000m wie z.B. den berühmten Champion Stakes in Ascot antrat. Mill Reef war dagegen ein großer Steher, so dass seine Niederlage in den 2000 Guineas nicht als fairer Leistungsvergleich angesehen wurde. Die Fans träumten deshalb von einem Duell der beiden über 2000m, also genau zwischen den Idealdistanzen der beiden Kontrahenten. Die Eclipse Stakes in Sandown waren dazu ausersehen. Der Showdown in Sandown sollte dann allerdings an einer Virus-Erkrankung von Mill Reef scheitern. Kaum erholt sollte sich Mill Reef im Training ein Bein brechen. Sein Leben konnte allerdings für die Zucht gerettet, wo er zwar nicht die Klasse erreichte, die er als Rennpferd hatte, aber seine Hengst-Linie ist noch heute aktiv, in Deutschland über den Derby-Sieger Isfahan. Ohne seinem Erzrivalen wagte sich der Brigardier dann in den renommierten King George VI and Queen Elizabeth Stakes auf die 2400m Distanz:

Pferderennen sind unberechenbar. 3 Wochen später sollte der Brigardier im Benson & Hedges Gold Cup über die für ihn eigentlich wesentlich bessere Distanz von 2000m die erste und einzige Niederlage seiner Karriere erleiden:

In diesem Video wird versucht das unerklärliche Desaster zu erklären:

Lester Pigott bezeichnete den Sieger Roberto als den schlechtesten Epsom Derby Sieger, den er je geritten hatte, und er hatte vor seinem spektakulären Sieg einen miserablen Auftritt im Irischen Derby. Auch danach sollte er nur noch einmal siegen. Roberto wurde dann allerdings ein bedeutender Vererber in den USA, dessen Hengstlinie noch heute aktiv ist.
Nach diesem Ausrutscher sollte der Brigardier seinen Siegeszug fortsetzen und verabschiedete sich standesgemäß mit einem zweiten Sieg in den Champion Stakes von der Rennbahn:

In der Zucht sollte der Brigardier einer der berühmtesten Flops der Geschichte werden und er hinterlies nur wenige Spuren. Hier ein Rückblick auf seine große Karriere als Rennpferd:




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zuletzt bearbeitet 25.02.2025 16:20 | nach oben springen


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